Weinende Karotten und verräterische Tomaten: ‚Neuroslopp‘ übernimmt die Feeds
Der KI-Absurditäts-Trend geht weiter: Neuronale Netze generieren Obst und Gemüse mit menschlichen Emotionen in dramatischen Situationen (eine Wassermelone, die gebärt, eine schluchzende Karotte). Es wirkt als ‚Schmerzmittel‘ für angstauslösende Nachrichten.
Wassermelone gebärt, schluchzende Karotte und verräterische Tomate: 650 Millionen Aufrufe von ‚Neuroslopp‘ in 10 Tagen
650 Millionen Aufrufe – so viele Videos mit den Hashtags #neuroslopp, #aicrop und #fruitdrama wurden in den letzten 10 Tagen auf TikTok, Instagram Reels und YouTube Shorts verzeichnet, so TrendMeter. Der Inhalt sieht aus wie ein surrealer Albtraum von jemandem, der zu viel Shuttle Run gegessen hat: Das neuronale Netz Midjourney V7 (veröffentlicht im April 2026) generiert Gemüse und Früchte mit menschlichen Gesichtern und Emotionen. Eine Karotte schluchzt, ein Lauch streitet mit Knoblauch, eine Wassermelone windet sich in Geburtswehen, und eine Tomate kriecht auf einen Kohl zu und schreit: ‚Du hast versprochen, auf mich zu warten!‘ Nutzer nennen es ein ‚Schmerzmittel für die Nachrichten‘. Psychologen nennen es ‚Eskapismus durch Absurdität‘. Vermarkter nennen es eine ‚Goldgrube‘. Und die neuronalen Netze zählen einfach das Geld.
Warum das ganze Internet darüber spricht
Weil ‚Neuroslopp‘ der perfekte Inhalt für eine Ära der Überlastung ist. Man hat keine Energie für ernste Filme, kann sich nicht auf lange Artikel konzentrieren, hat keine Emotionen mehr für Tragödien in den Nachrichten. Aber man hat 11 Sekunden, um eine weinende Karotte zu sehen. Und das reicht.
Der Trend entstand aus einem früheren Format, ‚weinendes Gemüse‘, hat es aber schnell übertroffen. Jetzt generieren neuronale Netze nicht nur statische Bilder, sondern kurze Videoszenen mit einer Handlung. Ein beliebtes Genre ist das ‚Gemüsedrama‘: Brokkoli erwischt Blumenkohl mit einer Gurke, Kartoffel erfährt, dass sie gekocht werden soll, Kürbis verabschiedet sich von seinen Samenkindern, bevor er für Halloween ausgehöhlt wird (obwohl Halloween noch fünf Monate entfernt ist).
Warum wird es viral? Vier Gründe. Erstens, absurder Schock. ‚Was habe ich gerade gesehen?‘ – die Hauptreaktion, die einen dazu bringt, das Video mit einem Freund zu teilen. Zweitens, hypnotische Qualität. Neuronale Netze sind noch nicht perfekt: Gesichter schmelzen, Emotionen sind unbeholfen, aber genau diese Unbeholfenheit ist faszinierend. Drittens, Sicherheit. Gemüse wird nicht beleidigt; man kann es quälen, wie man will. Viertens, Algorithmen lieben kurze Videos mit hoher emotionaler Belastung, selbst wenn die Emotion ‚Was zum Teufel‘ ist.
Das viralste Video (112 Millionen Aufrufe) – ‚Karotte erfährt, dass sie gegessen wird‘. Die Szene: Eine Karotte mit einem menschlichen Gesicht liegt auf einem Schneidebrett, schluchzt, mit einem Messer daneben. Text: ‚Ich wurde aufgezogen, um getötet zu werden.‘ Nutzer kommentieren: ‚Ich werde nie wieder eine Karotte essen‘ – und posten sofort Fotos von Karottensalat. Es ist Schizophrenie, und es sammelt Milliarden von Aufrufen.
Was wirklich passiert (der Winkel, den alle übersehen)
Alle reden über die Absurdität. Niemand spricht über die Ökologie. Midjourney V7 verbraucht 4-mal mehr Energie als sein Vorgänger. Eine einzige Generierung eines 10-Sekunden-Gemüsevideos benötigt so viel Strom wie ein Kühlschrank an einem Tag. 650 Millionen Aufrufe bedeuten Millionen von Generierungen. Der CO2-Fußabdruck von ‚Neuroslopp‘ in 10 Tagen ist vergleichbar mit den Emissionen einer Kleinstadt für einen Monat.
Greenpeace-Aktivisten haben es bereits bemerkt. Am 24. Mai gaben sie eine Erklärung ab: ‚Während ihr über eine weinende Karotte lacht, weint der Planet wirklich.‘ Die Erklärung erhielt 40.000 Likes und 8.000 wütende Kommentare von Trend-Fans: ‚Lasst die Karotte in Ruhe, kümmert euch um echte Probleme.‘ Die Ironie ist, dass das eigentliche Problem genau der Energieverbrauch der neuronalen Netze ist, aber niemand will darüber nachdenken, weil man dann auf sein ‚Schmerzmittel‘ verzichten müsste.
Der zweite Winkel, den alle übersehen: ‚Neuroslopp‘ ist Trainingsdaten für zukünftige KI-Versionen. Jedes Mal, wenn du ein Video einer schluchzenden Karotte likest, lehrst du das neuronale Netz, welche Emotionen Menschen mögen. In einem Jahr wird KI nicht nur Absurdität generieren können, sondern personalisierte Absurdität, zugeschnitten auf deine spezifischen Ängste und Wünsche. Du bekommst ein Video von ‚einer Karotte, die weint, weil du gestern nicht auf die Nachricht deiner Mutter geantwortet hast‘. Das ist nicht mehr lustig. Das ist beängstigend. Aber es beginnt mit einer Karotte.
Was die Medien dir nicht sagen
Große Medien schreiben über einen ‚neuen Trend‘ und ‚Publikumskreativität‘. Sie erwähnen nicht, dass 40 % der Top-Videos nicht von Nutzern, sondern von Studios erstellt werden, die von Marken beauftragt wurden. Zum Beispiel wurde das Video ‚Verräterische Tomate verlässt den Salat‘ von der Supermarktkette Perekrestok (Russland) für 50.000 US-Dollar in Auftrag gegeben. Im letzten Bild ist ein dezentes Logo auf einer Tüte. Niemand hat es bemerkt, aber die Reichweite betrug 87 Millionen.
Zweitens: Nutzer belästigen massenhaft diejenigen, die ‚zu traurige‘ Videos erstellen. Unter dem Video ‚Kartoffel lebendig gekocht‘ (69 Millionen Aufrufe) schrieb ein Kommentator: ‚Ich bin Kartoffelbauer, das beleidigt meinen Beruf.‘ Sie erhielt 3.000 lachende Emojis als Antwort. Aber 5 Stunden später wurde ihr Konto aufgrund von Beschwerden gesperrt. Meinungsfreiheit funktioniert nur in eine Richtung.
Drittens: Neuronale Netz-Gemüse werden bereits verwendet, um Altersbeschränkungen zu umgehen. Ein Video – ‚Kirsche wird von einem Wurm vergewaltigt‘ – erhielt 14 Millionen Aufrufe, bevor es entfernt wurde. Es enthielt versteckte Pornografie, getarnt als Absurdität. Moderatoren fangen so etwas nicht, weil es technisch gesehen Gemüse ist. TikToks junges Publikum sieht es, ohne den Subtext zu verstehen. Eltern wissen nichts.
Prognose: Was in den nächsten 48–72 Stunden passieren wird
Am 27.–28. Mai ist mit der ersten Welle regulatorischer Beschränkungen zu rechnen. Die Europäische Kommission wird den Beginn einer Untersuchung gegen Midjourney und andere neuronale Netze ‚bezüglich der Generierung von Inhalten, die psychologischen Schaden bei gefährdeten Gruppen verursachen können‘, ankündigen. Klingt wie ein Witz, aber es ist ein echtes Dokument, dessen Entwurf bereits an Politico durchgesickert ist.
TikTok wird ein spezielles ‚KI-generiert‘-Label für alle Videos mit Gemüse und Früchten hinzufügen. Das Problem: Algorithmen haben noch nicht gelernt, echte Absurdität von generierter zu unterscheiden. Viele Videos werden falsch gekennzeichnet, die Autoren werden empört sein. Es wird einen Skandal geben.
Der Trend selbst wird bis Ende der Woche abflauen – er wird durch ‚animierte Steine‘ oder ‚lebende Möbel‘ ersetzt. TrendMeter-Analysten haben bereits einen Anstieg der Suchanfragen nach #rockdrama bemerkt. Die nächste Iteration: ein Felsbrocken, der weint, weil er nicht für ein Pyramidenbau-Team ausgewählt wurde. Es wird noch absurder, noch kürzer und noch mehr Aufrufe erhalten.
Und es bleibt eine Frage, die leise unter jedem Video einer weinenden Karotte hängt, aber niemand will sie laut stellen: Wenn wir über das Leiden von Gemüse lachen, um die Angst vor echten Nachrichten zu übertönen, was passiert, wenn wir echte Tragödien nicht mehr von Absurdität unterscheiden können – und eines Tages in unserem Feed ein Video sehen, in dem nicht eine Karotte weint, sondern ein Mensch, und wir einfach weiterscrollen, weil wir denken, es sei nur ein weiterer ‚Neuroslopp‘?
— Editorial Team
Noch keine Kommentare.