AtkinsRéalis und Oxford schließen sich zusammen, um ‚Physical AI‘ in der Kernenergie einzusetzen
Die Entwicklung autonomer Roboter für Inspektion und Wartung kerntechnischer Anlagen zielt darauf ab, Sicherheit und Effizienz an Standorten wie Sellafield zu verbessern.
‚Physical AI‘ in der Kernenergie: Wie AtkinsRéalis und Oxford die Sicherheitsregeln ändern
Einleitung
Die Kernenergie hat stets einen schmalen Grat beschritten: Sie versorgt die Menschheit mit nahezu CO₂-freiem Strom, operiert jedoch unter Bedingungen, in denen menschliches Versagen oder physischer Zugang zu kritischen Einschränkungen werden. Strahlungszonen mit hoher Dosis, schwer zugängliche Bereiche und die Notwendigkeit, in persönlicher Schutzausrüstung zu arbeiten, verlangsamen Wartungsarbeiten und erhöhen Risiken.
Im April 2026 gaben das Ingenieur- und Bauunternehmen AtkinsRéalis und das Oxford Robotics Institute (ORI) eine strategische Partnerschaft bekannt, die diese Situation grundlegend ändern soll. Im Fokus steht der großflächige Einsatz dessen, was die Partner als ‚Physical AI‘ bezeichnen – Systeme, die Simulation, maschinelle Wahrnehmung, Entscheidungsfindung und reale Validierung kombinieren, sodass Roboter autonom in sicherheitskritischen Umgebungen arbeiten können.
Die Vereinbarung baut auf bereits erfolgreichen Tests am Standort Sellafield auf – einer der komplexesten kerntechnischen Anlagen der Welt – und zielt darauf ab, diese Technologien für internationale Kunden zu kommerzialisieren.
Veranstaltungsdetails und Zeitplan
Was bereits getan wurde: Die Sellafield-Erfahrung
Sellafield in Großbritannien ist nicht nur ein Kernkraftwerk; es ist ein riesiger Stilllegungskomplex, in dem sich über Jahrzehnte radioaktive Abfälle angesammelt haben. Die Arbeit dort ist schwierig und manchmal lebensgefährlich. Seit mehreren Jahren setzt Sellafield Ltd aktiv Boston Dynamics Spot-Roboter (die berühmten ‚Roboterhunde‘) für Inspektionen, Kartierungen und radiologische Datenerfassung ein. 2025 wurde in Zusammenarbeit mit AtkinsRéalis ein Durchbruch erzielt: Spot wurde erstmals außerhalb der lizenzierten Nuklearzone ferngesteuert – der Bediener befand sich viele Kilometer vom Gefahrenort entfernt. Und Anfang 2026 testete Sellafield erfolgreich einen Roboter mit einem Manipulator zur Entnahme von Abstrichen von kontaminierten Oberflächen – eine Routineaufgabe, die für Menschen jedoch potenziell gefährlich ist.
Neue Phase: Von der Demonstration zum Produkt
Die neue Vereinbarung zwischen AtkinsRéalis und ORI ist eine logische Fortsetzung dieser Arbeit. Zuvor wurden Oxford-Systeme bereits in AtkinsRéalis-Plattformen für autonome Navigation, Kartierung und Erkennung von Strahlungs-‚Hot Spots‘ integriert. Nun beabsichtigen die Partner, diese bewährten Lösungen in fertige Produkte für internationale Kunden umzuwandeln.
Der Prozess erfolgt in zwei Stufen:
- Testen und Verfeinern in ORI-Laboren unter Verwendung von ‚Digitalen Zwillingen‘ kerntechnischer Anlagen.
- Vorbereitung auf Feldversuche und Kommerzialisierung durch die Ingenieurkapazitäten von AtkinsRéalis.
Was ist ‚Physical AI‘?
Im Gegensatz zu herkömmlichen Industrierobotern, die darauf programmiert sind, dieselben Bewegungen zu wiederholen, bedeutet Physical AI die Fähigkeit zur Anpassung. Der Roboter muss wechselnde Beleuchtung interpretieren, unerwarteten Hindernissen ausweichen und in dunklen, verrauchten oder mit Schutt gefüllten Räumen Entscheidungen treffen. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Kombination aus fortschrittlicher Wahrnehmung (Sensoren, Computer Vision), Simulation (Digitale Zwillinge) und realer Validierung.
Auswirkungen und Bedeutung
Reduzierung menschlicher Risiken
Das Hauptziel des Robotereinsatzes im Nuklearsektor ist es, Menschen aus Gefahrenbereichen zu entfernen. An Standorten wie Sellafield oder konventionellen Kernkraftwerken werden Inspektionen oft in Umgebungen mit hoher Strahlung durchgeführt, in denen die Aufenthaltsdauer von Menschen streng begrenzt ist. Ein Roboter kann dort stundenlang arbeiten und qualitativ hochwertige Daten ohne Gesundheitsrisiken übertragen. Zudem wird der Einsatz persönlicher Schutzausrüstung reduziert, wodurch das Volumen radioaktiver Abfälle verringert wird.
Steigerung der Effizienz
Physical AI kann Stilllegungsprozesse beschleunigen. Roboter können wiederholte Inspektionen mit hoher Präzision durchführen, ohne Ermüdung oder Ablenkung. Sie sammeln Echtzeitdaten, die sofort in digitale 3D-Modelle (Digitale Zwillinge) integriert werden können, zur späteren Analyse durch Ingenieure.
Internationale Skalierung
Das Schlüsselwort in der Vereinbarung ist ‚global‘. AtkinsRéalis ist in den Nuklearmärkten vieler Länder tätig (Großbritannien, Kanada, China, Rumänien). Die erfolgreiche Erfahrung in Sellafield, wo das System bereits eine ‚Feuertaufe‘ bestanden hat, ermöglicht es dem Unternehmen, weltweit zuverlässige autonome Lösungen anzubieten.
Verbindung zum KI-Boom
Paradoxerweise wird das wiederauflebende Interesse an Kernenergie teilweise durch die Entwicklung künstlicher Intelligenz vorangetrieben. Rechenzentren für das Training großer Modelle verbrauchen enorme Energiemengen, und Kernkraft wird als stabile ‚grüne‘ Quelle angesehen. Nun kehrt dieselbe KI-Technologie in Form von Robotern, die genau diese Reaktoren warten, in die Nuklearindustrie zurück.
Reaktionen der Hauptakteure
AtkinsRéalis: Pragmatismus und Geschwindigkeit
‚Diese Partnerschaft ermöglicht es uns, autonome Robotik schnell von der Forschung zum operativen Einsatz in Kernkraftwerken weltweit zu bringen‘, sagte Sam Stevens, Leiter Digitales bei der Nuklearsparte von AtkinsRéalis. Das Unternehmen hat bereits ein ganzes Ökosystem aufgebaut: Zusammenarbeit mit NVIDIA (Simulation), dem kanadischen Manipulatorhersteller Kinova und nun Oxford (Algorithmen und Tests).
Oxford Robotics Institute: Akademische Grundlage für die Industrie
Professor Nick Hawes, Direktor des ORI, sieht diese Zusammenarbeit als Modell für die Zukunft: ‚Unsere Partnerschaft mit AtkinsRéalis zeigt, wie akademische Forschung in praktische Lösungen für den Nuklearsektor umgesetzt wird.‘ Für die Universität ist dies eine Gelegenheit, ihre Entwicklungen unter realen, extrem herausfordernden Bedingungen zu testen und Feedback aus der Industrie zu erhalten.
Sellafield und RAICo: Lebendiges Labor
Sellafield Ltd agiert nicht nur als Beobachter, sondern als aktiver Teilnehmer und Kunde. Gemeinsam mit der RAICo-Kooperation (die UKAEA, NDA und Universitäten zusammenbringt) wurde bereits der Roboter für die Abstrichprobenentnahme getestet. ‚Zu demonstrieren, dass ein vierbeiniger Roboter ferngesteuert Abstrichprobenentnahmegeräte einsetzen kann, zeigt ein erhebliches Potenzial zur Verbesserung von Sicherheit und Effizienz‘, bemerkte Deon Bulman von Sellafield.
Prognose und Schlussfolgerungen
Von einmaligen Demonstrationen zur Routine
In den nächsten 1-2 Jahren werden wir sehen, wie diese Systeme vom Status ‚innovative Erprobung‘ zur Standardausrüstung in Kernkraftwerken übergehen. Erste öffentliche Vorführungen werden in den kommenden Monaten erwartet.
Integration und Spezialisierung
Roboter werden nicht nur ‚Augen‘ (Kameras), sondern auch ‚Hände‘ (Manipulatoren) für Reparatur und Wartung sein. Fernsteuerungssysteme mit haptischem Feedback werden sich weiterentwickeln, wie bereits bei der Abstrichprobenentnahme getestet.
Ausweitung auf andere Branchen
Obwohl der Ausgangspunkt die Kernenergie ist, sind Physical-AI-Technologien universell. Sie können in der Tiefseebergbau, Raumfahrt, Chemiekatastrophenhilfe eingesetzt werden – überall dort, wo die Umgebung für Menschen tödlich ist.
Fazit
Die Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen AtkinsRéalis und dem Oxford Robotics Institute ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg von ‚Robotern als Spielzeug‘ zu ‚Robotern als unverzichtbaren Kollegen‘ in Hochrisikobranchen. Unter Nutzung von Entwicklungen, die an einem der gefährlichsten Standorte des Planeten (Sellafield) getestet wurden, wollen die Partner die Kernenergie nicht nur heute sicherer machen, sondern auch technologisch für die große Renaissance rüsten, die die Branche im Zeitalter steigenden KI-Energieverbrauchs erlebt. Dies ist ein seltener Fall, bei dem Personalsicherheit und wirtschaftliche Effizienz Hand in Hand gehen.
— Editorial Team
Noch keine Kommentare.