USA investieren 2 Milliarden Euro in Quantencomputing im Rahmen des CHIPS-Gesetzes
IBM wurde zum größten Nutznießer und erhielt 1 Milliarde Euro, gefolgt von GlobalFoundries mit 375 Millionen Euro; sieben weitere Unternehmen, darunter D-Wave und Quantinuum, erhielten jeweils 100 Millionen Euro.
Quanten-‚Manifest‘ des CHIPS-Gesetzes: Warum 2 Milliarden Euro nicht nur Subventionen sind, sondern ein Paradigmenwechsel
[Das Wesentliche]: Was wirklich passiert
Am 20. Mai 2026 unterzeichnete das US-Handelsministerium offiziell Absichtserklärungen mit neun Unternehmen über insgesamt 2,013 Milliarden US-Dollar im Rahmen des CHIPS and Science Act. IBM erhält 1 Milliarde US-Dollar, GlobalFoundries 375 Millionen US-Dollar und sieben weitere Unternehmen (Atom Computing, Diraq, D-Wave, Infleqtion, PsiQuantum, Quantinuum, Rigetti) teilen sich die restlichen 638 Millionen US-Dollar, wobei sechs von ihnen jeweils 100 Millionen US-Dollar erhalten und Diraq 38 Millionen US-Dollar bekommt.
Auf den ersten Blick ist es nur eine weitere Tranche staatlicher Subventionen. Doch die Struktur und die Bedingungen des Deals offenbaren einen viel tieferen Wandel.
Wichtige nicht offensichtliche Tatsache, die jeder übersieht: Das US-Handelsministerium erhält zum ersten Mal in der Geschichte eine Beteiligung an jedem der neun Unternehmen. Formal handelt es sich um eine ‚Minderheitsbeteiligung ohne Kontrollmehrheit‘. In der Praxis wird die US-Regierung direkter Aktionär von Quantentechnologie-Startups und -Unternehmen. Dies sind keine Zuschüsse oder Subventionen mit Berichtspflichten. Es ist staatliches Wagniskapital mit Gewinnbeteiligung am Wertzuwachs.
Mit anderen Worten: Die USA unterstützen die Branche nicht nur. Sie steigen als Miteigentümer ein. Wenn eines dieser Unternehmen an die Börse geht oder verkauft wird, erhalten die Steuerzahler einen Anteil am Gewinn. Dies ist ein grundlegend neues Modell des technologischen Protektionismus.
Zeitplan und Kontext
Der Deal war mindestens sechs Monate in Vorbereitung. Bereits im Januar 2026 kündigte D-Wave einen beschleunigten Fahrplan für den Bau eines gatterbasierten Quantensystems an und versprach einen ersten Prototypen im Jahr 2026. Im März 2026 aktualisierte IBM seinen Quantenfahrplan und bestätigte das Ziel, 2026 auf der Nighthawk-Plattform (drei Module mit je 120 Qubits, insgesamt 360 Qubits) einen ‚Quantenvorteil‘ zu demonstrieren.
Aber das Unterzeichnungsdatum – der 20. Mai 2026 – wurde bewusst gewählt. Es fällt mit zwei wichtigen Trends zusammen: (1) China enthüllte zwei Wochen zuvor einen 504-Qubit-Prozessor namens ‚Xiaohong-3‘, und (2) die Trump-Administration finalisiert eine Exekutivanordnung für Bundesbehörden, auf Post-Quanten-Kryptografiestandards umzusteigen. Mit anderen Worten: Das Quantenrennen ist bereits im Gange, und die USA haben entschieden, dass die Zeit des Redens vorbei ist.
Wer gewinnt und wer verliert
IBM gewinnt. 1 Milliarde US-Dollar ist nicht nur Geld. Es ist die Anerkennung, dass IBMs supraleitender Ansatz zum ‚De-facto-Nationalstandard‘ geworden ist. IBM wird die Mittel nutzen, um eine Tochtergesellschaft zur Herstellung von quantenfähigen supraleitenden Siliziumwafern zu gründen. Dies verwandelt IBM von einem reinen Quantencomputerhersteller in einen Komponentenlieferanten für die gesamte US-Industrie.
GlobalFoundries gewinnt. 375 Millionen US-Dollar plus die Gründung einer neuen Geschäftseinheit, Quantum Technology Solutions, die Quantenprozessoren für alle Modalitäten herstellen wird: supraleitend, Ionenfalle, photonisch, topologisch und Spin-Qubits. Zusätzlich erhält das Handelsministerium im Rahmen einer separaten Vereinbarung 1 % der Aktien von GlobalFoundries. Damit wird die Regierung Aktionärin eines der größten US-Halbleiterhersteller.
Quanten-Startups gewinnen. 100 Millionen US-Dollar sind im Vergleich zu ihren Wagniskapitalrunden nicht riesig (Quantinuum sammelte 2024 300 Millionen US-Dollar ein), aber es ist nicht verwässerndes Kapital. Die Regierung nimmt keine Anteile von den Gründern – sie erhält neu ausgegebene Aktien. Das ist reiner Mehrwert. Darüber hinaus ermöglichen die Absichtserklärungen den Unternehmen, Kofinanzierungen von privaten Investoren anzuziehen, die nun einen staatlichen ‚Segen‘ sehen.
Quantinuum gewinnt (ehemals Honeywell Quantum Solutions). Ihre Ionenfallen-Technologie erhielt bundesstaatliche Anerkennung. Nur eine Woche vor der Ankündigung, am 20. Mai 2026, demonstrierte ein Artikel in Nature von Forschern des Caltech und Quantinuum digitalen Quantenmagnetismus auf dem H2-Computer mit einer Zwei-Qubit-Gattertreue von 99,94 %. Dies ist einer der besten Rekorde der Branche.
D-Wave gewinnt. Trotz vieler Skeptiker, die Quantenglühen für ‚nicht echten‘ Quantencomputing halten, erhielt D-Wave 100 Millionen US-Dollar. Darüber hinaus meldete das Unternehmen eine Steigerung der Nutzung seiner Advantage2-Systeme um 314 % im letzten Jahr. Sie haben zahlende Kunden, und jetzt haben sie die Regierung als Aktionär.
China verliert. Nicht weil es an Geld mangelt, sondern weil die USA jetzt Industriepolitik mit Investitionen synchronisieren. Handelsminister Howard Lutnick erklärte direkt: ‚Diese Investitionen nutzen unsere heimische Industrie und schaffen Tausende gut bezahlter Arbeitsplätze.‘ Das ist Handelskrieg im Quantengewand.
Europa verliert. Die EU hat das Quantum Flagship-Programm mit einem Budget von etwa 1 Milliarde Euro über 10 Jahre. Die USA stellen 2 Milliarden US-Dollar auf einmal bereit. Und europäische Unternehmen wie Quandela (photonische Qubits) oder IQM (supraleitend) haben keinen Zugang zu diesen Mitteln – sie sind streng für US-amerikanische juristische Personen bestimmt.
‚Mittlere‘ Quanten-Startups verlieren. Nicht alle Modalitäten erhielten gleiche Finanzierung. Diraq (Silizium-Spin-Qubits) bekam nur 38 Millionen US-Dollar – deutlich weniger als die 100 Millionen US-Dollar der Konkurrenz. Dies signalisiert dem Markt: Spin-Qubits gelten als weniger vielversprechend oder weniger ausgereift.
Was die Medien nicht sagen
Erstens. Diese 2 Milliarden US-Dollar sind keine reine Forschung und Entwicklung. Es ist Geld für die Skalierung der Produktion und die Behebung spezifischer technischer Engpässe. Das CHIPS-F&E-Büro unter der Leitung von Bill Frauenhofer wählte 7 Unternehmen für spezifische Probleme aus: PsiQuantum für ‚photonische Verluste und Verpackung‘, Rigetti für ‚Miniaturisierung von Ausleseelektronik und Kryostaten‘, Atom Computing für ‚Systemintegration für Zehntausende von Qubits‘. Dies ist keine Grundlagenforschung. Es ist angewandte Technik mit konkreten KPIs.
Zweitens, und das ist die wichtigste Erkenntnis. Das Handelsministerium erhält eine Beteiligung, aber auch ein Vetorecht bei Verkäufen von Unternehmen an ausländische Käufer. Gemäß den Standardbedingungen solcher Deals (nicht öffentlich bekannt, aber aus Präzedenzfällen bekannt) kann die Regierung eine Fusion oder Übernahme blockieren, wenn sie sie als Bedrohung der nationalen Sicherheit betrachtet. Mit anderen Worten: Weder Quantinuum, D-Wave noch PsiQuantum können ohne Zustimmung Washingtons an ein chinesisches, europäisches oder sogar japanisches Unternehmen verkauft werden.
Drittens. Sieben Unternehmen erhielten Absichtserklärungen, aber dies sind keine endgültigen Verträge. Wie Nextgov schreibt, ‚können endgültige Zuschüsse nach Due Diligence in der Höhe abweichen‘. Darüber hinaus stellen die Schreiben eine staatliche Verpflichtung zur Mittelbereitstellung dar, aber die Unternehmen müssen bestimmte Meilensteine erreichen. Wenn ein Startup seine technologischen Ziele nicht erreicht, fließt das Geld nicht. Dies ist keine kostenlose Hilfe.
Viertens, rein pragmatisch. IBM erhielt 1 Milliarde US-Dollar für den Bau einer Fabrik für supraleitende Wafer. Aber IBM hat bereits eine eigene Produktion in New York (das Quantenzentrum in Poughkeepsie). Das Geld fließt also in die Erweiterung dessen, was IBM bereits tut. Es wird keine neue Industrie von Grund auf geschaffen, sondern ein bestehender Marktführer beschleunigt. Die Frage: Wird dies zu einer Monopolisierung des supraleitenden Ansatzes auf Kosten anderer Modalitäten führen? Bisher ja – 1 Milliarde US-Dollar gegenüber 375 Millionen US-Dollar für GlobalFoundries, das mit allen Modalitäten arbeitet.
Prognose: Nächste 30 Tage und 90 Tage
30 Tage:
Erwarten Sie, dass endgültige Vereinbarungen mit mindestens drei der neun Unternehmen unterzeichnet werden – wahrscheinlich IBM, GlobalFoundries und Quantinuum, da sie am ausgereiftesten sind. Due Diligence für Startups (Atom, Rigetti, PsiQuantum) könnte länger dauern. Ebenfalls wahrscheinlich sind erste kritische Stellungnahmen aus China: Peking wird eine Aufstockung der Mittel für seine eigenen Quantenprogramme in vergleichbarer Höhe ankündigen.
An der Börse beobachten Sie börsennotierte Unternehmen: D-Wave (QBTS an der NYSE) und Rigetti (RGTI an der Nasdaq). Beide erhielten eine Bestätigung der staatlichen Unterstützung, was kurzfristige Kurssteigerungen auslösen könnte. Aber seien Sie vorsichtig: Absichtserklärungen sind keine Verträge, und der Markt könnte ihre Bedeutung überschätzen.
90 Tage:
Bis Ende August 2026 werden erste Ergebnisse sichtbar: Beginnt der tatsächliche Bau der IBM-Fabrik? Startet GlobalFoundries seine erste Produktionslinie für Quantenchips? Wenn ja, ist das ein Zeichen dafür, dass das Geld schnell eingesetzt wird.
Der wichtigste Indikator, den Sie beobachten sollten, sind Ankündigungen von Partnerschaften zwischen den finanzierten Unternehmen. Beispielsweise ist PsiQuantum (photonische Qubits) und GlobalFoundries (photonische Chipfertigung) eine logische Kombination. Oder Atom Computing (neutrale Atome) und Infleqtion (ebenfalls neutrale Atome) – sie sind Konkurrenten, könnten sich aber zur Skalierung zusammenschließen. Wenn solche Kooperationen angekündigt werden, bedeutet dies, dass sich das Ökosystem wirklich konsolidiert.
Wenn nicht, werden die Unternehmen leise an ihren Fahrplänen arbeiten, und die nächste große Ankündigung kommt erst Ende 2026, wenn IBM den ersten ‚Quantenvorteil‘ auf Nighthawk beansprucht und D-Wave sein gatterbasiertes System auf den Markt bringt. Dann werden wir sehen, ob sich diese 2 Milliarden US-Dollar ausgezahlt haben.
— Editorial Team
Noch keine Kommentare.